Die katholische Kirche sei die „Hure Babylon“ aus Offenbarung 17
Ebertshäuser schreibt„Die katholische Kirche seit Konstantin ist im Licht von Offenbarung 17 der Anfang und der Kern der Hure Babylon.“ (Hure Babylon, 2017)
Die Schrift sagtDie Offenbarung deutet ihr Bild selbst: Die Frau „ist die große Stadt, die das Reich hat über die Könige auf Erden“ (Offb 17,18), das heidnische Rom, das die Christen verfolgte; die Kirche erscheint dort als Braut des Lammes (Offb 19,7–8; KKK 796).
In seinem Beitrag „Die Hure Babylon und die endzeitliche Christenheit“ nennt Ebertshäuser diese Deutung „klar“ (Hure Babylon, 2017). Er stützt sich darauf, dass die Frau auf „sieben Bergen“ sitzt (Offb 17,9). Darin hat er recht: Gemeint ist Rom, die Stadt auf den sieben Hügeln. So haben es auch die ersten Christen verstanden. Die Frage ist nur, welches Rom.
Die Offenbarung beantwortet sie selbst. Die Frau ist „trunken von dem Blut der Heiligen und von dem Blute der Zeugen Jesu“ (Offb 17,6), in ihr wird „das Blut der Propheten und der Heiligen“ gefunden (Offb 18,24), und der Engel erklärt: „Und das Weib, das du gesehen hast, ist die große Stadt, die das Reich hat über die Könige auf Erden“ (Offb 17,18). Ihre sieben Häupter sind zugleich „sieben Könige“ (Offb 17,9–10). Das beschreibt die Hauptstadt des Römischen Reiches zur Zeit des Johannes: die Stadt der Kaiser, die Christen hinrichten ließen, nach ältester Überlieferung unter Nero auch Petrus und Paulus (siehe Petersdom). Johannes selbst schreibt von Patmos aus, wo er „um des Wortes Gottes willen“ war (Offb 1,9). Die Christen in Rom waren damals nicht die Verfolger, sondern die Verfolgten. Tertullian las das Kapitel um 207 ebenso: „So ist auch Babylon bei unserem Johannes ein Sinnbild der Stadt Rom, die in gleicher Weise gross ist und, stolz auf ihre Herrschaft, die Heiligen Gottes bekämpft“ (Tert. adv. Marc. III 13,10).
Wie die erste Generation das Wort „Babylon“ gebrauchte, zeigt der erste Petrusbrief. Petrus grüßt aus Rom: „Es grüßen euch, die samt euch auserwählt sind zu Babylon“ (1 Petr 5,13). „Babylon“ ist hier der Deckname der heidnischen Hauptstadt, und die Gemeinde dort heißt ausdrücklich „auserwählt“. So verstanden es schon Papias (Anfang des 2. Jahrhunderts) und Clemens von Alexandrien (um 200), wie Eusebius berichtet (Eus. h. e. II 15,2). Die Kirche von Rom ist im Neuen Testament also gerade nicht die Hure, sondern die auserwählte Gemeinde inmitten von „Babylon“.
Der Hure stellt die Offenbarung eine andere Frau gegenüber: die Braut des Lammes, die „sich bereitet“ hat und mit „reiner und schöner Leinwand“ bekleidet wird, nämlich „die Gerechtigkeit der Heiligen“ (Offb 19,7–8; vgl. Offb 21,9). Mit diesem Bild beschreibt der Katechismus die Kirche (KKK 796; 865). Zugleich rechnet er nüchtern mit einer letzten Prüfung, in der „ein religiöser Lügenwahn“ viele verführen wird; der schlimmste Betrug sei der des Antichrist, „worin der Mensch sich selbst verherrlicht, statt Gott und seinen im Fleisch gekommenen Messias“ (KKK 675). Die Kirche liest die Warnungen der Offenbarung also durchaus als Warnung an sich selbst, nicht als Etikett für andere.
Ebertshäuser räumt ein, seine Auslegung gehöre „zu den grundlegenden Erkenntnissen der Täufer und der Reformatoren“ (Hure Babylon, 2017). Ganz neu war sie damals nicht. Schon Dante bezog im 14. Jahrhundert die Hure der Offenbarung auf habgierige Päpste seiner Zeit (Inferno XIX, V. 106–108) und blieb dabei katholisch. Ein Urteil über die Kirche als Ganze wurde daraus erst in den Konfessionskämpfen des 16. Jahrhunderts. Aus dem Text und aus der Kirche der ersten Jahrhunderte stammt diese Deutung nicht. Wer Offenbarung 17 so liest, muss über die Erklärung hinweggehen, die der Engel selbst gibt.