„Allein auf die Gnade Gottes vertrauen“ sei katholischerseits Ketzerei
Bühne schreibt„Er vertraute allein auf die Gnade Gottes und befand sich damit – ohne es zu wissen – im direkten Widerspruch zu seiner Kirche, die eine solche Überzeugung für ketzerisch hält und verdammt.“ (S. 11)
Die Kirche lehrt„Allein aus Gnade im Glauben an die Heilstat Christi, nicht auf Grund unseres Verdienstes, werden wir von Gott angenommen“ – so bekennt es die katholische Kirche gemeinsam mit den Lutheranern (GER 15).
Bühne schreibt auf S. 11 über einen Katholiken, dieser habe „allein auf die Gnade Gottes“ vertraut und sich damit im direkten Widerspruch zu seiner Kirche befunden, die diese Überzeugung verdamme. So lehrt die Kirche aber nicht. Nach ihrer Lehre geht schon der Anfang der Rechtfertigung von Gottes Gnade aus, und niemand kann die erste Gnade verdienen, durch die Bekehrung, Vergebung und Rechtfertigung überhaupt erst möglich werden (vgl. KKK 1996–2001; 2010).
So redet auch das Neue Testament an zentralen Stellen. Paulus schreibt: „durch die Gnade seid ihr errettet“, und zwar „nicht aus Werken“ (Eph 2,8–10). Im Römerbrief heißt es, alle hätten gesündigt, und dann: „und werden umsonst gerechtfertigt durch seine Gnade“ (Röm 3,23–24). Nach Tit 3,4–7 rettet Gott nicht wegen gerechter Werke, die wir getan hätten, sondern aus Erbarmen. Und selbst dass ein Mensch auf Gottes Ruf antwortet, geht nach Joh 6,44 und Phil 2,13 auf Gottes Wirken zurück, das ihm vorausgeht.
Gute Werke ersetzen nach katholischer Lehre die Gnade also nicht; sie sind ihre Frucht (vgl. KKK 2008–2011; Joh 15,5; 1 Kor 15,10). Der Katechismus zitiert dazu Theresia von Lisieux: „Am Ende dieses Lebens werde ich mit leeren Händen vor dir erscheinen; denn ich bitte dich nicht, o Herr, meine Werke zu zählen“ (KKK 2011).
Das Konzil von Trient hat nicht das Vertrauen auf Gottes Gnade verworfen, sondern die These, der rechtfertigende Glaube sei nichts anderes als das Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit, oder allein dieses Vertrauen rechtfertige uns (DS 1562). Nach katholischer Lehre werden bei der Rechtfertigung „Glaube, Hoffnung und Liebe in unsere Herzen gegossen“ (KKK 1991). Das Vertrauen selbst zählt dasselbe Konzil zur Vorbereitung auf die Rechtfertigung (DS 1526). Katholische Theologie liest deshalb Paulus und Jakobus zusammen: Der Glaube, der rechtfertigt, ist der Glaube, „der durch die Liebe wirkt“ (Gal 5,6; vgl. KKK 1814). Die Wendung „aus Glauben allein“ steht im Neuen Testament übrigens nur an einer Stelle, und dort wird sie verneint: „Ihr sehet also, daß ein Mensch aus Werken gerechtfertigt wird und nicht aus Glauben allein“ (Jak 2,24).
Das oben zitierte Bekenntnis steht in der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre, die die katholische Kirche und der Lutherische Weltbund 1999 unterzeichnet haben (GER 15). Die lutherische Lehre, wie die Erklärung sie darlegt, wird danach „nicht von den Verurteilungen des Trienter Konzils getroffen“ (GER 41). Bühne erwähnt die Erklärung selbst (S. 120), zitiert aber nicht, was darin über die Gnade steht. Der eigentliche Streit zwischen Protestanten und Katholiken ist also viel feiner: Er betrifft das Verhältnis von Rechtfertigung, Glauben, Liebe und menschlicher Mitwirkung. Ketzerei ist das Vertrauen auf Gottes Gnade für die katholische Kirche nicht.