Allein die Schrift: Für viele evangelische und freikirchliche Christen ist das der Grund, auf dem sie stehen. Die katholische Kirche liest die Bibel ebenso als Gottes Wort. Strittig ist das Wort „allein“ und die Frage, ob die Bibel es selbst lehrt.
„Sola scriptura“ heißt „allein die Schrift“. Gemeint ist nicht, dass Christen keine Lehrer, Predigten oder Bekenntnisse bräuchten. Die lutherische Konkordienformel von 1577 nennt die Schriften des Alten und Neuen Testaments „die einige Regel und Richtschnur, nach welcher zugleich alle Lehren und Lehrer gerichtet und geurtheilet werden sollen“ (Epitome, Von dem summarischen Begriff↗). Bekenntnisse und Väter stehen nach demselben Text darunter, als Zeugen. Der Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden sagt es heute knapp: Die Bibel ist „als Gottes Wort“ die „alleinige Regel und Richtschnur für Glauben und Leben“ (befg.de↗).
Reformierte und lutherische Theologen betonen, dass das nicht heißt: „ich und meine Bibel“, ohne Kirche und Geschichte. Der reformierte Theologe Keith Mathison nennt diese Haltung „solo scriptura“ und lehnt sie ab (Modern Reformation, 2007↗). Diese Seite prüft die stärkere Fassung: Die Schrift ist die einzige Regel des Glaubens, die nicht irren kann; alle anderen Stimmen stehen unter ihr und können sich täuschen.
Ob die Schrift dem Inhalt nach alles Heilsnotwendige enthält, lässt das Konzil offen; es sagt nur, dass die Kirche ihre Gewissheit über alles Geoffenbarte „nicht aus der Heiligen Schrift allein“ schöpft (DV 9). Strittig ist darum weniger, ob in der Bibel etwas fehlt, als wer im Streit verbindlich sagt, was sie lehrt.
Was beide sagen
Die Schrift ist von Gott eingegeben und lehrt „sicher, getreu und ohne Irrtum die Wahrheit“ (DV 11).Johannes Paul II. nennt sie die „oberste Autorität in Sachen des Glaubens“ (Ut unum sint 79↗). Die Evangelische Allianz nennt sie „höchste Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung“ (Glaubensbasis↗).
Sola scriptura
Neben der Schrift gibt es keine Stimme, die nicht irren kann. Was nicht in ihr steht oder aus ihr folgt, bindet das Gewissen nicht. Kirche, Bekenntnisse und Väter haben echte, aber dienende und fehlbare Autorität.
Die katholische Kirche
Schrift und Überlieferung sind „demselben göttlichen Quell entspringend“ (KKK 80). Darum schöpft die Kirche ihre Gewissheit über alles Geoffenbarte „nicht aus der Heiligen Schrift allein“ (DV 9). Das Lehramt „ist nicht über dem Wort Gottes, sondern dient ihm“ (DV 10).
Was die Kirche nicht sagt
dass sie über der Bibel stehe: Das Lehramt lehrt „nichts …, als was überliefert ist“ (DV 10);
dass es zwei Offenbarungen mit verschiedenem Inhalt gebe: Überlieferung und Schrift bilden „den einen der Kirche überlassenen heiligen Schatz des Wortes Gottes“ (DV 10);
dass sie die Bibel gemacht habe: Sie hält die Bücher für heilig, weil sie, „unter der Einwirkung des Heiligen Geistes geschrieben …, Gott zum Urheber haben“ (DV 11);
dass Katholiken die Bibel nicht lesen sollten: „Die Schrift nicht kennen heißt Christus nicht kennen“ (DV 25).
Die Probe
Drei Fragen
Ob die Schrift allein die Regel des Glaubens ist, lässt sich an drei Fragen prüfen. Jeder kann ihnen mit seiner eigenen Bibel nachgehen.
Kein Vers der Bibel sagt, dass die Schrift allein die Regel des Glaubens ist. Das bestreiten auch viele evangelische Theologen nicht.
Der evangelikale Autor Kenneth Samples schreibt, der Grundsatz müsse „nicht förmlich und ausdrücklich gelehrt“ werden; er könne in der Schrift enthalten sein und „logisch erschlossen“ werden (Modern Reformation, 2010↗). Nach der Westminster Confession von 1647 gilt neben dem Wortlaut der Schrift auch, was „durch gute und notwendige Folgerung“ aus ihr abgeleitet werden kann (I,6↗).
Das ist ein redlicher Weg; auch katholische Theologie zieht Schlüsse. Nur muss der Schluss dann aus der Schrift allein folgen. Gern verweisen evangelische Ausleger auf Jesus, der sich immer wieder auf das Geschriebene beruft: „Ihr irret, indem ihr die Schriften nicht kennet“ (Mt 22,29). Katholiken lesen das genauso; ob die Schrift allein entscheidet, ist damit noch nicht gesagt. Prüfen lässt es sich an den Stellen, die dafür angeführt werden; sieben davon folgen unten.
Die Probe: sieben Stellen
Diese Verse werden am häufigsten für „die Schrift allein“ angeführt. Jeder sagt etwas Wahres über Gottes Wort, das auch die katholische Kirche lehrt; auch DV 11 zitiert 2 Tim 3,16. Dass die Schrift allein genügt, sagt keiner von ihnen; jede Karte zeigt, warum.
2 Tim 3,16„Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nütze zur Lehre“Folgt daraus „allein“? +
Die Schrift kommt von Gott und rüstet den Menschen Gottes aus. Wozu sie dient, zählt Paulus auf; dass sie es allein tut, sagt er nicht. Mehr dazu gleich unten.
Mk 7,8„Denn das Gebot Gottes aufgebend, haltet ihr die Überlieferung der Menschen“Folgt daraus „allein“? +
Jesus tadelt eine Überlieferung, mit der man das Gebot umgeht, Vater und Mutter zu ehren (Mk 7,10–13). Für das, was Paulus weitergibt, steht im Griechischen dasselbe Wort (1 Kor 11,2).Ein Wort, zwei Urteile.
Offb 22,18„Wenn jemand zu diesen Dingen hinzufügt, so wird Gott ihm die Plagen hinzufügen“Folgt daraus „allein“? +
Gemeint sind „die Worte der Weissagung dieses Buches“. Dieselbe Warnung steht schon bei Mose: „Ihr sollt nichts hinzutun zu dem Worte, das ich euch gebiete“ (Dtn 4,2). Danach kamen die Propheten und das ganze Neue Testament.
Apg 17,11„indem sie täglich die Schriften untersuchten, ob dies sich also verhielte“Folgt daraus „allein“? +
Die Juden in Beröa prüften die Predigt des Paulus an den Schriften, die sie hatten: am Alten Testament. Schon in Thessalonich hatte er „aus den Schriften“ gesprochen (Apg 17,2), und in Beröa sahen sie nach, ob sie trugen, was er sagte. Angenommen haben sie dann eine Botschaft, die über das Alte Testament hinausging: „daß dieser, der Jesus, den ich euch verkündige, der Christus ist“ (Apg 17,3).
1 Kor 4,6„nicht über das hinaus zu denken, was geschrieben ist“Folgt daraus „allein“? +
Paulus spricht von Christen, die sich „für den einen, wider den anderen“ Lehrer aufblähen. Was „geschrieben ist“, meint nach den meisten Auslegern die Worte des Alten Testaments, die er vorher gegen das Rühmen angeführt hat. Eine Regel über den Umfang der Bibel steht hier nicht.
Gal 1,8„außer dem, was wir euch als Evangelium verkündigt haben“Folgt daraus „allein“? +
Maßstab ist das Evangelium, das Paulus gepredigt und die Galater „empfangen“ haben (Gal 1,9): ein mündlich übergebenes Evangelium, Jahre bevor es ein Neues Testament gab.
Mt 4,4„Nicht von Brot allein soll der Mensch leben, sondern von jedem Worte, das durch den Mund Gottes ausgeht“Folgt daraus „allein“? +
Hier steht „allein“, aber vom Brot. Jesus antwortet dem Versucher mit der Schrift; der Versucher zitiert sie auch: „denn es steht geschrieben“ (Mt 4,6), und dann Psalm 91. Jesus antwortet mit einer anderen Stelle (Mt 4,7). Recht verstanden hat sie, wer selbst das Wort ist.
Der wichtigste Vers für „die Schrift allein“ steht im zweiten Brief an Timotheus. Er lohnt einen genauen Blick, mit den Versen davor.
2. Timotheus 3,14–17 · Elberfelder 1905
14Du aber bleibe in dem, was du gelernt hast und wovon du völlig überzeugt bist, da du weißt, von wem du gelernt hast1, 15und weil du von Kind auf die heiligen Schriften kennst2, die vermögend sind, dich weise zu machen zur Seligkeit durch den Glauben, der in Christo Jesu ist. 16Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nütze3 zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit, 17auf daß der Mensch Gottes vollkommen sei, zu jedem guten Werke völlig geschickt4.
1
Unmittelbar vor dem Vers über die Schrift verweist Paulus auf Menschen: auf sich selbst und auf die Großmutter Lois und die Mutter Eunike (2 Tim 1,5). Die Gewissheit des Timotheus ruht auf der Schrift und auf denen, die sie ihn lehrten.
2
Als Timotheus ein Kind war, gab es kein Neues Testament. „Alle Schrift“ meint hier zuerst das Alte. Der amerikanische Presbyterianer Albert Barnes schreibt, der Vers beziehe sich „eigentlich auf das Alte Testament“ (Kommentar↗). Calvin stellt dieselbe Frage und antwortet, dem Inhalt nach sei später nichts hinzugekommen (Kommentar zu 2 Tim 3,17↗). Evangelische Ausleger antworten auch, „alle Schrift“ schließe ein, was später hinzukam, wie das Wort Jesu, das 1 Tim 5,18 als Schrift anführt (Lk 10,7). Dann bleibt die Frage, woher man weiß, was hinzukam; davon handelt die zweite Frage.
3
Griechisch ōphelimos, „nützlich, förderlich“. Paulus zählt auf, wozu die Schrift dient: Lehre, Überführung, Zurechtweisung, Unterweisung.
4
Ähnlich spricht Paulus von den Ämtern: Christus gab Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer „zur Vollendung der Heiligen“ (Eph 4,11–12), mit einem Wort derselben Wurzel. Und wer sich rein hält, wird „zu jedem guten Werke bereitet“ (2 Tim 2,21). Niemand folgert daraus, dass Ämter allein oder Reinheit allein genügen.
Wenige Verse vorher nennt Paulus die Zauberer des Pharao mit Namen, „Jannes und Jambres“ (2 Tim 3,8), die das Alte Testament nicht kennt (Ex 7,11). Im selben Kapitel, in dem er die Schrift als von Gott eingegeben bezeugt, schöpft er also auch aus der Überlieferung seines Volkes.
Was die Schrift ist und wozu sie dient, sagt der Vers klar. Dass daneben nichts anderes gelten dürfe, steht nicht darin.
„Also nun, Brüder, stehet fest und haltet die Überlieferungen, die ihr gelehrt worden seid, sei es durch Wort oder durch unseren Brief.“
In der Synagoge von Thessalonich hatte Paulus an drei Sabbaten gepredigt (Apg 17,1–2), bevor er die Stadt bei Nacht verlassen musste (Apg 17,10). Was er dort mündlich lehrte, war für die Gemeinde so verbindlich wie sein Brief, und an manches erinnert er sie nur: „Erinnert ihr euch nicht, daß ich dies zu euch sagte, als ich noch bei euch war?“ (2 Thess 2,5). Beides nennt er mit einem Wort: Überlieferungen.
Calvin versteht unter den Überlieferungen hier die ganze Lehre des Apostels, mündlich wie schriftlich, und bestreitet nur, dass daraus spätere kirchliche Traditionen folgen (Kommentar zu 2 Thess 2,15↗). Im wohl ältesten Brief des Neuen Testaments dankt Paulus dafür, dass die Thessalonicher seine Predigt „nicht als Menschenwort aufnahmet, sondern, wie es wahrhaftig ist, als Gottes Wort“ (1 Thess 2,13). Im Neuen Testament ist Gottes Wort zuerst gesprochenes Wort.
Wann soll das aufgehört haben? Kein Vers kündigt an, dass nach dem Tod der Apostel nur noch gilt, was aufgeschrieben ist. Johannes Chrysostomus las den Vers um 400 so: „Aus diesen Worten geht hervor, daß die Apostel nicht Alles schriftlich, sondern gar Vieles auch ungeschrieben überliefert haben“ (Chrys. hom. in 2 Thess. 4,2). Evangelische Theologen antworten, die mündliche Lehre habe gegolten, solange die Apostel lebten; davon handelt ein Einwand weiter unten.
„Demselben göttlichen Quell entspringend, fließen beide gewissermaßen in eins zusammen“: So beschreibt das Zweite Vatikanische Konzil Überlieferung und Schrift (KKK 80).
Wer die Überlieferung ablehnt, beruft sich meist auf Jesus: „Denn das Gebot Gottes aufgebend, haltet ihr die Überlieferung der Menschen“ (Mk 7,8). Im Griechischen steht dort dasselbe Wort wie bei Paulus, wenn er die Überlieferungen lobt: paradosis, „das Weitergegebene“.
„nach der Überlieferung, die er von uns empfangen hat“
„nach der Satzung, die er von uns empfangen hat“
„nach der Überlieferung“
Getadelt (dunkler Rand) und geboten (goldener Rand): dasselbe griechische Wort. Luther 2017 nach bibleserver.com↗.
Die Elberfelder schreibt überall „Überlieferung“, ebenso die revidierte Lutherbibel von 2017. Luther selbst hatte unterschieden: „Aufsätze“ bei den Pharisäern, „Satzungen“ und „Weise“ bei Paulus. Er wollte damit zeigen, dass die Weisung des Apostels etwas anderes ist als menschliche Zusätze. Bei ihm sieht man aber nicht mehr, dass Jesus und Paulus über dasselbe Wort urteilen.
Jesus und Paulus trennen nicht Mündliches von Schriftlichem, sondern was von Menschen kommt von dem, was vom Herrn kommt. Jesus verwirft eine Überlieferung, mit der man das Gebot Gottes umgeht (Mk 7,10–13); Paulus gibt weiter, was er „von dem Herrn empfangen“ hat (1 Kor 11,23). Auch die Kirche hält die Überlieferung der Apostel getrennt von den vielen Traditionen, die „im Laufe der Zeit in den Ortskirchen entstanden“ sind und geändert oder aufgegeben werden können (KKK 83).
Vier Glieder
Paulus beschreibt keine Bibliothek, sondern eine Kette von Menschen: „und was du von mir in Gegenwart vieler Zeugen gehört hast, das vertraue treuen Leuten an, welche tüchtig sein werden, auch andere zu lehren“ (2 Tim 2,2).
Dreißig Jahre später schreibt die Gemeinde von Rom nach Korinth: „Die Apostel haben uns das Evangelium verkündet, (das sie) vom Herrn Jesus Christus (bekommen haben), Jesus Christus aber ist gesandt von Gott“ (1 Clem 42,1–2). In den Städten setzten die Apostel „zu Bischöfen und Diakonen“ ein, die sie geprüft hatten (1 Clem 42,4; 44,1–2). Bischöfe und Älteste sind bei Clemens noch dieselben Männer (1 Clem 44,4–5); um 110 bezeugt Ignatius von Antiochien in jeder Gemeinde einen Bischof (Ign. Smyrn. 8,2). Um 180 kann Irenäus von Lyon sie Kirche für Kirche nennen, „die von den Aposteln eingesetzten Bischöfe der einzelnen Kirchen … und ihre Nachfolger bis auf unsere Tage“ (Iren. haer. III 3,1).
Was die Apostel außerdem wussten
Die Verfasser des Neuen Testaments lasen das Alte nicht für sich allein. Sie kannten die Überlieferung ihres Volkes und nahmen manches daraus in ihre Schriften auf, ohne es zu erklären.
Die Zauberer des Pharao haben im Alten Testament keinen Namen (Ex 7,11). Jüdische Überlieferung kennt sie schon vor Christus: Die Damaskusschrift aus Qumran nennt „Jannes und seinen Bruder“ (CD V 18↗).
„Michael aber, der Erzengel, als er, mit dem Teufel streitend, Wortwechsel hatte um den Leib Moses'“
Das Alte Testament sagt nur, dass niemand das Grab des Mose kennt (Dtn 34,6). Schon die alte Kirche führte die Szene auf eine jüdische Schrift zurück, die Himmelfahrt des Mose↗.
„denn sie tranken aus einem geistlichen Felsen, der sie begleitete“
Das Alte Testament erzählt vom Wasser aus dem Felsen (Ex 17; Num 20), nicht von einem Felsen, der mitzieht. Davon wissen jüdische Auslegungen, etwa die Tosefta (Sukka 3,11) und Pseudo-Philo (Biblische Altertümer 10,7).
Kein Prophet wird im Alten Testament zersägt. Die Überlieferung erzählt es von Jesaja unter König Manasse; der Talmud (Jevamot 49b) und die Himmelfahrt Jesajas↗ bewahren sie.
„Die Schriftgelehrten und die Pharisäer haben sich auf Moses' Stuhl gesetzt“
Einen Stuhl des Mose kennt das Alte Testament nicht. Jesus nimmt die Lehrautorität trotzdem ernst: „Alles nun, was irgend sie euch sagen, tut und haltet“ (Mt 23,3).
Die Apostel lasen die Schrift also nicht in einem leeren Raum, sondern im Strom der Überlieferung ihres Volkes. Was sie davon aufnahmen, verbürgt der Heilige Geist, nicht die Quelle, aus der sie es hatten; das Buch Henoch hat darum auch die katholische Kirche nicht in ihre Bibel aufgenommen.
Zweite Frage
Wer hat die Liste gemacht?
Die Bibel enthält viele Bücher, aber keine Liste von ihnen. Einzelne Stellen nennen andere Schriften des Neuen Testaments „Schrift“ (1 Tim 5,18; 2 Petr 3,16); welche alle dazugehören, sagt keine. Wer die 27 Bücher des Neuen Testaments annimmt, folgt einem Urteil, das nicht in ihnen steht.
Das Inhaltsverzeichnis
Fast jede Bibel hat ein Inhaltsverzeichnis, und es gehört zu keinem biblischen Buch. Keith Mathison schreibt, das Inhaltsverzeichnis sei „kein inspirierter Text“ eines Propheten oder Apostels, sondern „in einem sehr wirklichen Sinn ein Bekenntnis der Kirche“ (Modern Reformation, 2007↗).
Das Neue Testament
MtMatthäus
MkMarkus
LkLukas
JohJohannes
ApgApostelgeschichte
RömRömer
1 Kor1. Korinther
2 Kor2. Korinther
GalGalater
EphEpheser
PhilPhilipper
KolKolosser
1 Thess1. Thessalonicher
2 Thess2. Thessalonicher
1 Tim1. Timotheus
2 Tim2. Timotheus
TitTitus
PhlmPhilemon
HebrHebräer
JakJakobus
1 Petr1. Petrus
2 Petr2. Petrus
1 Joh1. Johannes
2 Joh2. Johannes
3 Joh3. Johannes
JudJudas
OffbOffenbarung
BarnBarnabasbrief
HermHirt des Hermas
bestritten
beides genannt
ohne Nummer, am Ende
außerdem enthalten
Heute. So steht es in fast jeder Bibel: 27 Bücher. Welche es sind, sagt keines von ihnen.
Um 325. Eusebius von Caesarea ordnet, was er in den Kirchen vorfindet. Fünf Briefe nennt er bestritten, auch wenn die meisten sie kennen; die Offenbarung führt er bei den anerkannten und bei den unechten Schriften auf (Eus. h. e. III 3,5; 25,3–4).
Codex Sinaiticus. Die älteste vollständig erhaltene Handschrift des Neuen Testaments stammt aus dem 4. Jahrhundert. Sie enthält alle 27 Bücher in anderer Folge und dahinter zwei weitere: den Barnabasbrief und den Hirten des Hermas (codexsinaiticus.org↗).
Luther 1522. In Luthers Neuem Testament tragen nur 23 Bücher eine Nummer. Hebräer, Jakobus, Judas und Offenbarung stehen ohne Nummer am Ende, abgesetzt von den „rechten gewissen hewbt bucher[n]“ (Weimarer Ausgabe, Deutsche Bibel 6 und 7↗).
Woher weißt du es?
Woher weiß ein Christ, dass der Hebräerbrief zur Bibel gehört und der Barnabasbrief nicht? Die Frage klingt einfach. Auf jede ehrliche Antwort folgt aber die nächste.
1„Es steht in der Bibel.“
Welche Stelle nennt die Bücher der Bibel? Keine. Selbst die Verfasser vieler Bücher nennt erst die Überlieferung: Der Hebräerbrief ist ohne Namen geschrieben, die Evangelien auch.
2„Der Heilige Geist bezeugt es mir.“
Das Französische Bekenntnis von 1559 sagt, die Bücher seien kanonisch nicht so sehr durch die Übereinstimmung der Kirche als durch das „Zeugnis und die innere Überzeugung des Heiligen Geistes“ (Art. 4↗). Luther fand 1522 im Jakobusbrief „keyn Euangelisch art“ und stellte vier Bücher ans Ende (WA DB 6↗). Wessen Urteil gilt, wenn die Zeugnisse auseinandergehen?
3„Er stammt von einem Apostel.“
Wer ihn geschrieben hat, wusste schon Origenes nicht: „Wer aber den Brief geschrieben hat, weiß in Wahrheit Gott“ (Eus. h. e. VI 25,13–14). Im Osten wurde er früh als Brief des Paulus gelesen, in Rom lange bezweifelt (Eus. h. e. III 3,5; 25,3–4). Angenommen hat ihn am Ende die Kirche als Ganze.
4„Die frühe Kirche hat ihn angenommen.“
Dann folgt man in dieser Frage der Überlieferung der Kirche. Der Katholik Trent Horn hat den baptistischen Theologen Gavin Ortlund in einem Streitgespräch gefragt, warum man ihr dann bei der Taufe, der Eucharistie und dem Amt der Bischöfe nicht folge (2023↗).
5„Ich weiß es nicht unfehlbar, aber gut begründet.“
Das ist die nüchternste Antwort. Der reformierte Theologe R. C. Sproul hat sie in eine Formel gefasst: Die Bibel sei „eine fehlbare Sammlung unfehlbarer Bücher“ (Essential Truths of the Christian Faith, 1992). Dann weiß man nur mit Wahrscheinlichkeit, wie weit die höchste Regel reicht.
Gavin Ortlund antwortet, die Kirche müsse nicht unfehlbar sein, um Unfehlbares zu erkennen: Auch Mose habe am Dornbusch keine zweite Stimme gebraucht, die ihm Gottes Stimme bestätigte (Streitgespräch mit Trent Horn, 2023↗). J. I. Packer sagt, die Kirche habe uns den Kanon, die Liste der Bücher, so wenig gegeben wie Isaac Newton die Schwerkraft (God Speaks to Man, 1965). So sagt es auch das Konzil: „Durch dieselbe Überlieferung wird der Kirche der vollständige Kanon der Heiligen Bücher bekannt“ (DV 8).
Erkannt hat ihn aber eine Kirche mit Bischöfen, Gottesdienst und Glaubensbekenntnis. Wer ihr Urteil über die Bücher übernimmt, verlässt sich darin auf diese Kirche. Unfehlbar wird ihr Urteil dadurch noch nicht, und Ortlund würde genau das sagen. Dann bleibt die fünfte Antwort: eine gut begründete, aber fehlbare Liste.
Wie die Liste entstand
Die Christen der ersten Jahrhunderte hatten die Schriften der Apostel, aber lange keine überall gleiche Liste. Gut dreihundert Jahre vergingen, bis die Kirchen des Westens sich auf eine einigten.
Er schreibt kein Buch. Er sendet Apostel und sagt ihnen: „lehret sie, alles zu bewahren, was ich euch geboten habe“ (Mt 28,20).
um 50
Der erste Brief
Paulus schreibt nach Thessalonich, gut zwanzig Jahre nach Ostern. Bis dahin gab es Gemeinden, Taufe und Brotbrechen, aber kein Neues Testament.
um 100
Die letzten Schriften
Zwischen dem ersten und dem letzten Buch des Neuen Testaments liegen rund fünfzig Jahre.
um 180
Vier Evangelien
Irenäus weiß, dass es genau vier Evangelien gibt. Er begründet die Zahl mit den vier Himmelsrichtungen und den vier Gesichtern der Cherubim, nicht mit einer Stelle, die Evangelien zählt (Iren. haer. III 11,8).
um 325
Bestrittene Bücher
Eusebius nennt Jakobus, Judas, den zweiten Petrusbrief und zwei Johannesbriefe bestritten; über die Offenbarung gibt es beide Meinungen (Eus. h. e. III 3,5; 25,3–4).
367
Die erste Liste der 27
Athanasius, Bischof von Alexandrien, zählt als Erster genau die Bücher auf, die heute das Neue Testament bilden: „Dieses sind die Quellen des Heiles“ (Athan. ep. fest. 39).
393–419
Synoden in Afrika
Die Bischöfe in Hippo und Karthago legen fest, was in der Kirche als Heilige Schrift gelesen wird, und fragen in Rom nach (Synode von Hippo↗).
1522
Luthers Neues Testament
Vier Bücher stehen ohne Nummer am Ende; den Jakobusbrief nennt die Vorrede „eyn rechte stroern Epistel“ im Vergleich zu den Evangelien und Paulusbriefen (WA DB 6↗).
1546
Trient
Das Konzil legt die Liste verbindlich fest, mit den Büchern des Alten Testaments, die Luther als Apokryphen gesondert gestellt hatte (4. Sitzung↗).
Beim Alten Testament blieb die Frage länger offen. Derselbe Brief des Athanasius rechnet Weisheit, Sirach, Ester, Judit und Tobit nicht zum Kanon, sondern zu den Büchern, die man Neulingen „zum Lesen“ geben soll (Athan. ep. fest. 39). Baruch dagegen zählt er mit Jeremia zum Kanon; seine Liste deckt sich weder mit der katholischen noch mit der evangelischen Bibel. Bis heute zählt die katholische Bibel sieben Bücher mehr zum Alten Testament als die Lutherbibel.
Augustinus schreibt um 397 einen Satz, den Protestanten und Katholiken bis heute verschieden lesen: „Ich jedenfalls würde dem Evangelium nicht glauben, wenn mich nicht die Autorität der katholischen Kirche dazu bewegte“ (Aug. c. ep. fund. 5,6). Calvin meinte, Augustinus spreche vom Weg eines Ungläubigen zum Glauben, nicht von einer Macht der Kirche über die Schrift (Institutio I 7,3↗). Darin widerspricht ihm die katholische Lehre nicht; auch sie stellt die Kirche nicht über das Wort Gottes (DV 10). Den Weg zum Evangelium aber hat die Kirche Augustinus gezeigt.
Auch Luther nahm den Umfang nicht einfach aus der Bibel. Sein Maßstab war, „ob sie Christum treyben, odder nit“; was das tut, sei apostolisch, und den Jakobusbrief wollte er „nicht haben ynn meyner Bibel ynn der zal der rechten hewbtbucher“ (Vorrede auf die Episteln Jakobi und Judas, 1522↗). Das ist ein Maßstab, aber keiner, der in der Bibel steht. Wer heute alle 27 Bücher annimmt, folgt darin der Kirche der ersten Jahrhunderte, nicht Luthers Vorrede.
Luther wusste, woher die Bibel der Reformation kam. 1528 schrieb er gegen die Täufer: „wir bekennen, das ym Bapstum die rechte heilige schrifft sey, rechte tauffe, recht Sacrament des altars“, und von der Schrift und dem Predigtamt: „solchs haben wir freilich alles vom Bapst“ (Von der Wiedertaufe, WA 26, 147↗). Im selben Text nennt er den Papst den Antichrist. Umso mehr Gewicht hat, dass er sagt, von wem er die Schrift empfangen hatte.
Irenäus spricht von Völkern, die den Glauben ohne geschriebene Bibel angenommen haben, und er lobt sie. Kurz davor spielt er durch, was wäre, wenn die Apostel nichts aufgeschrieben hätten: „Hätten nämlich die Apostel nichts Schriftliches uns hinterlassen, dann müßte man eben der Ordnung der Tradition folgen, die sie den Vorstehern der Kirchen übergeben haben“ (Iren. haer. III 4,1–2).
Bücher waren teuer, und lesen konnten wenige. Nach dem Höchstpreisedikt Diokletians von 301 durfte ein Schreiber für hundert Zeilen bester Schrift 25 Denare verlangen, so viel wie ein Landarbeiter am Tag neben der Kost (Edikt VII 1 und 39↗). Die vier Evangelien abschreiben zu lassen, kostete danach etwa drei Monatslöhne, ohne das Pergament. Lesen konnte nach der Schätzung des Historikers William V. Harris etwa jeder Zehnte im Römischen Reich (Ancient Literacy, 1989). Noch 1533, elf Jahre nach Luthers Neuem Testament, besaßen nach Schätzungen nur etwa zehn Prozent der deutschen Haushalte eines (WiBiLex↗).
Die Christen kannten die Schrift trotzdem: Sie hörten sie im Gottesdienst, und den Glauben lernten sie im Bekenntnis, das die Kirche ihnen übergab. Cyrill von Jerusalem gibt um 350 den Taufbewerbern das Bekenntnis zum Auswendiglernen. Es sei „aus der ganzen Schrift befestigt“, sagt er, und doch übergibt er es mündlich und erklärt, warum: „Weil nämlich nicht alle die Schriften lesen können“ (Cyr. cat. 4,17; 5,12).
Sola scriptura verlangt nicht, dass jeder eine Bibel besitzt; auch die Reformatoren setzten auf die Predigt. Die Regel aber, nach der die meisten Christen fünfzehn Jahrhunderte lang glaubten, hielten sie nicht als Buch in der Hand. Sie hörten sie in der Kirche.
Der Buchdruck, der die Bibel später in viele Häuser brachte, kam aus der katholischen Christenheit. In der Bischofsstadt Mainz setzte Johannes Gutenberg die Vulgata, die lateinische Bibel der Kirche, mit beweglichen Lettern. Zwischen 1452 und 1454 druckte er sie in etwa 180 Exemplaren, rund dreißig davon auf Pergament (Gutenberg-Bibel↗). Es war das erste große Buch, das in Europa so gedruckt wurde; 49 Exemplare sind erhalten.
Enea Silvio Piccolomini, der spätere Papst Pius II., bekam in Frankfurt die ersten gedruckten Bogen zu sehen. Am 12. März 1455 schrieb er an Kardinal Juan de Carvajal, die Schrift sei sauber und korrekt, und die Bände seien verkauft, bevor sie fertig waren (Brief an Carvajal↗). Zehn Jahre später nahm der Mainzer Erzbischof Adolf II. von Nassau Gutenberg als Hofmann in seinen Dienst; er bekam jedes Jahr Kleidung, Korn und Wein (Johannes Gutenberg↗).
Mit einer Bibel der Kirche begann in Europa die Zeit des gedruckten Buches, gut sechzig Jahre bevor Luthers Schriften gedruckt durch Deutschland gingen.
Dritte Frage
Wer entscheidet im Streit?
Das Wort Gottes ist „lebendig und wirksam“ (Hebr 4,12). Wenn aber zwei ehrliche Leser es verschieden verstehen, spricht die Schrift nicht als dritte Stimme dazwischen.
Irenäus schrieb um 180, was bei einem Zwiespalt zu tun sei: „dann muß man auf die ältesten Kirchen zurückgehen, in denen die Apostel gewirkt haben, und von ihnen die klare und sichere Entscheidung über die strittige Frage annehmen“ (Iren. haer. III 4,1–2). Das ist bis heute die katholische Antwort. Wie es ohne eine solche Stimme aussieht, zeigt der Streit um einen einzigen Satz.
Ein Satz, vier Lesarten
Beim letzten Abendmahl nimmt Jesus Brot und sagt einen kurzen Satz darüber (Mt 26,26). Vier Bekenntnisse lesen ihn verschieden, und jedes stützt sich auf dieselben Verse.
„Nehmet, esset; dieses ist mein Leib.“
Katholisch
„wahrhaft, wirklich und substanzhaft der Leib und das Blut zusammen mit der Seele und Gottheit unseres Herrn Jesus Christus“ (KKK 1374)
Brot und Wein werden Leib und Blut Christi. So glauben auch die orthodoxen Kirchen.
Lutherisch
„daß der wahre Leib und das wahre Blut Christi wirklich unter der Gestalt des Brotes und Weines im Abendmahl gegenwärtig ist“ (Augsburger Bekenntnis, Art. 10)
Christus ist leiblich gegenwärtig, „in, mit und unter“ dem Brot; das Brot bleibt Brot.
Reformiert
Leib und Blut Christi sind „nicht leiblich oder fleischlich in, mit oder unter Brot und Wein“, sondern werden geistlich empfangen (Westminster Confession XXIX,7↗)
Christus wird durch den Glauben wirklich, aber geistlich empfangen.
Baptistisch und freikirchlich
„In der Mahlfeier erleben wir die heilbringende Nähe und Gemeinschaft Jesu Christi, indem wir uns an sein Leiden und Sterben für uns erinnern.“ (Rechenschaft vom Glauben, BEFG↗)
Das Mahl ist Gedächtnis und Gemeinschaft; das Brot ist ein Zeichen.
1529 trafen sich Luther und Zwingli in Marburg, um den Streit beizulegen. Luther schrieb vor dem Gespräch mit Kreide „Das ist mein Leib“ auf den Tisch (Marburger Religionsgespräch↗). Über vierzehn von fünfzehn Artikeln einigten sie sich; im letzten hielten sie fest, dass sie sich, „ob der wahre Leib und das wahre Blut Christi leiblich in Brot und Wein sei, diesmal nicht verglichen haben“ (Marburger Artikel, 1529↗).
Bei der Taufe ist es ebenso. Das Augsburger Bekenntnis (CA) lehrt, „daß man auch die Kinder taufen soll“, und verwirft die, „die lehren, daß die Kindertaufe nicht richtig sei“ (Augsburger Bekenntnis, Art. 9). Die deutschen Baptisten taufen nur Menschen, die „aufgrund ihres Glaubens die Taufe für sich selbst begehren“, und berufen sich dafür unter anderem auf Apg 2,38 (Rechenschaft vom Glauben↗). Luther verteidigte die Kindertaufe gegen die Täufer mit der Geschichte: Wäre sie falsch, hätte es „lenger denn ynn tausent iaren keine tauffe und keine Christenheit“ gegeben (WA 26, 168↗). Fromm und gelehrt sind die Menschen auf allen Seiten, und doch entscheidet die Bibel, so sehr sie Gottes Wort ist, den Streit zwischen ihren Lesern nicht von selbst.
Schon Vinzenz von Lérins schrieb 434, die Schrift sei „vollkommen“ und genüge „sich selbst zu allem überreichlich“; und doch werde sie so verschieden erklärt, dass „fast so viele Meinungen aus ihr hergeleitet werden, als es überhaupt Menschen gibt“ (Vinz. comm. 2,1–2). Ein Gesetz ist kein Richter, schrieb Robert Bellarmin im 16. Jahrhundert; es sagt, was zu tun ist, und der Richter legt es aus (Über das Wort Gottes III 9↗).
Das Mosaik des Irenäus
Um 180 beschreibt Irenäus von Lyon Lehrer, die ihre Lehre mit Bibelworten belegen. Jedes Wort ist echt; nur das Bild, das sie daraus legen, ist ein anderes. Er vergleicht das mit einem Mosaik: Jemand nimmt das Bild eines Königs auseinander, legt aus denselben Steinen „die Gestalt eines Hundes oder Fuchses“ und behauptet, „das sei jenes schöne Bild des Königs“ (Iren. haer. I 8,1; 9,4).
Das Bild des Königs: die Worte der Schrift in ihrer Ordnung.
Dieselben Steine, „dazu noch schlecht ausgeführt“: ein Fuchs.
Wer erkennt den Fuchs? Der, sagt Irenäus, „welcher die Richtschnur der Wahrheit unerschütterlich in sich festhält, die er in der Taufe empfangen hat“, und weiter: „Zwar wird er die Mosaiksteinchen erkennen, aber den Fuchs nicht für das Bild des Königs halten“ (Iren. haer. I 8,1; 9,4). Gemeint ist die Glaubensregel, die kurze Zusammenfassung des Glaubens, die die Kirche den Taufbewerbern übergab.
Das Erste Konzil von Nicäa, 1591In der Mitte liegt das aufgeschlagene Evangelium auf dem Thron, um ihn sitzen die Bischöfe; unten liegt Arius mit seiner Schriftrolle.Ikone: Michael Damaskinos, Agia Aikaterini, Heraklion↗, gemeinfrei↗
So verlief der größte Streit der alten Kirche. Arius lehrte, der Sohn sei ein Geschöpf, und hatte Bibelverse dafür: „mein Vater ist größer als ich“ (Joh 14,28). Seine Anhänger stimmten jedem biblischen Ausdruck über Christus zu und deuteten ihn um; „aus Gott“, sagten sie, sei auch der Mensch (1 Kor 8,6). Darum schrieb das Konzil von Nicäa 325 Worte, die nicht in der Bibel stehen: Der Sohn ist „gleichen Wesens“ mit dem Vater. Die Bischöfe sahen sich gezwungen, „den Sinn aus den Schriften zusammenzutragen“, schreibt Athanasius, „daß, wenn auch die Worte nicht so in den Schriften sich finden, dieselben doch den Sinn … aus den Schriften haben“ (Athan. decr. 19–21).
Fast alle evangelischen Christen bekennen heute den dreieinigen Gott mit den Worten dieses Konzils. Im 16. Jahrhundert lasen die Sozinianer in Polen dieselben Verse und lehnten die Dreieinigkeit ab (Sozinianismus↗). Manche freikirchliche Christen sagen, sie hätten die Gottheit Jesu allein aus der Bibel erkannt, ohne von Nicäa zu wissen. Gott kann einem Menschen das schenken. Die Bibel, die er dabei liest, haben ihm aber Christen gesammelt, übersetzt und gepredigt, die nicht zweifelten, dass Jesus Gott ist. Nicäa hat diesen Glauben nicht erfunden; es hat ihn gegen eine Auslegung geschützt, die sich auf dieselben Verse berief.
Das Apostelkonzil
Den ersten großen Streit der Kirche hat keine Gemeinde für sich mit der Schrift entschieden. Die Gemeinde in Antiochia schickte Paulus und Barnabas nach Jerusalem, „zu den Aposteln und Ältesten“ (Apg 15,2).
1
Der Streit
„Wenn ihr nicht beschnitten worden seid nach der Weise Moses', so könnt ihr nicht errettet werden.“
Paulus bringt die Beschlüsse in die Gemeinden, damit sie sie halten.
Mit dem Beschluss schickten die Apostel einen Brief und zwei Männer, „die auch selbst mündlich dasselbe verkündigen werden“ (Apg 15,27). Bis heute gibt die Westminster Confession Synoden die Aufgabe, Streitfragen des Glaubens „dienend zu entscheiden“, und sagt zugleich, dass alle Synoden seit den Aposteln irren können (Kap. XXXI↗).
Die katholische Kirche glaubt, dass Christus seiner Kirche mehr zugesagt hat: den Geist, der sie „in die ganze Wahrheit leiten“ wird (Joh 16,13), und dass „des Hades Pforten“ sie nicht überwältigen (Mt 16,18). Paulus spricht vom Hause Gottes, „welches die Versammlung des lebendigen Gottes ist, der Pfeiler und die Grundfeste der Wahrheit“ (1 Tim 3,15). Calvin schreibt zu dieser Stelle, die Wahrheit werde auf Erden allein durch den Dienst der Kirche bewahrt, und bindet das an die reine Predigt des Wortes (Kommentar zu 1 Tim 3,15↗). Dass Gott die Kirche in ihren endgültigen Entscheidungen vor Irrtum bewahrt, lässt sich nicht beweisen. Die Kirche glaubt es, weil Christus es zugesagt hat.
Ein frommer Mann liest auf der Heimreise den Propheten Jesaja. Philippus fragt ihn: „Verstehst du auch, was du liesest? Er aber sprach: Wie könnte ich denn, wenn nicht jemand mich anleitet?“ (Apg 8,30–31). Philippus erklärt ihm die Stelle von Christus her (Apg 8,35) und tauft ihn (Apg 8,38).
Das griechische Wort für „anleiten“ ist dasselbe, mit dem Jesus vom Geist sagt, er werde die Jünger „in die ganze Wahrheit leiten“ (Joh 16,13). Petrus schreibt, in den Briefen des Paulus seien „etliche schwer zu verstehen“, und „die Unwissenden und Unbefestigten“ verdrehten sie (2 Petr 3,16). Johannes schreibt, „dieselbe Salbung“ belehre die Gemeinde „über alles“ (1 Joh 2,27). Kurz davor erinnert er sie an das, „was ihr von Anfang gehört habt“ (1 Joh 2,24): an die Predigt, die sie empfangen hatten.
Dass nicht alles in der Schrift gleich klar ist, gibt auch die Westminster Confession zu; das Heilsnotwendige könne aber jeder verstehen, beim rechten Gebrauch „der gewöhnlichen Mittel“ (I,7↗). Zu diesen Mitteln gehören Predigt und Gemeinde. Strittig ist also nicht, ob man Anleitung braucht, sondern wessen Anleitung im Streit gilt.
Die Zeugen
Was die ersten Christen sagten
Die Väter der Kirche lebten aus der Schrift; fast ihr ganzes Werk ist Bibelauslegung. Gelesen haben sie die Schrift aber nie allein.
Apsismosaik von Santa Pudenziana, Rom, um 400Christus hält ein aufgeschlagenes Buch, um ihn sitzen die Apostel. Das Mosaik entstand zur Zeit von Augustinus und Johannes Chrysostomus.Foto: Welleschik↗, CC BY-SA 3.0↗
um 180 · Lyon
Irenäus
„Hier sind die Schriften in treuer Überlieferung bewahrt; nichts ist hinzugetan, nichts ist fortgenommen.“
Der große Bibelausleger der alten Kirche sieht, wie viele sich auf Christus berufen und doch uneins sind. Der Satz ist nur in der lateinischen Übersetzung Rufins erhalten.
Von den Lehren der Kirche, sagt er, kommen die einen aus der Schrift, die anderen aus der Überlieferung der Apostel; als Beispiele nennt er das Kreuzzeichen und das Gebet nach Osten. Nicht alles davon gilt heute als bindend; es zeigt, dass er mit Ungeschriebenem aus der Zeit der Apostel rechnete.
um 375 · Salamis
Epiphanius
„denn nicht alles kann man aus der göttlichen Schrift entnehmen“
So legt er 2 Thess 2,15 aus: das Geschriebene und das Ungeschriebene.
um 400 · Hippo
Augustinus
„So gibt es vieles, was die ganze Kirche festhält und was man deshalb mit Recht für von den Aposteln angeordnet hält, auch wenn es sich nicht geschrieben findet.“
Sein Maßstab für die Auslegung: nicht der Einfall eines Einzelnen, sondern der Glaube der ganzen Kirche.
Die Zeugen lebten weit voneinander entfernt, in Gallien und Nordafrika, in Ägypten, Kappadokien und auf Zypern, und sie schrieben griechisch oder lateinisch. Was sie über Schrift und Überlieferung sagen, stimmt trotzdem überein. Vinzenz von Lérins, der letzte von ihnen, hat diese Übereinstimmung zur Regel gemacht: festzuhalten, was überall, immer und von allen geglaubt wurde (Vinz. comm. 2,3).
Wo die Zeugen lebten
Antippen führt zum Zeugen. Kartengrundlage: Natural Earth, naturalearthdata.com (gemeinfrei).
Auch das sagen die Väter
Dieselben Väter stellen die Schrift über jeden einzelnen Lehrer. Cyrill von Jerusalem sagt den Taufbewerbern: „Glaube auch mir, der ich dir dies sage, nicht einfach, wenn du den Beweis für das Verkündete nicht aus den göttlichen Schriften erhältst“ (Cyr. cat. 4,17; 5,12). Athanasius schreibt: „Denn die heiligen und von Gott eingegebenen Schriften genügen zur Verkündigung der Wahrheit“ (Athan. gent. 1), und von den Büchern des Neuen Testaments: „in diesen allein wird die Lehre der Frömmigkeit verkündet“ (Athan. ep. fest. 39). Augustinus glaubt „felsenfest“, dass keiner der Verfasser der biblischen Bücher geirrt hat, und liest alle anderen nur so weit zustimmend, wie sie ihn mit der Schrift oder mit Gründen überzeugen (Aug. ep. 82,3). Und in einem Brief, der unter denen des Basilius steht, heißt es: „So soll denn die von Gott eingegebene Schrift zwischen uns entscheiden“ (Bas. ep. 189,3).
Diese Sätze unterschreibt jeder Katholik. Wie die Väter die Schrift lasen, zeigt der Zusammenhang. Cyrill übergibt den Taufbewerbern das Glaubensbekenntnis zum Lernen, „nicht indem ihr ihn auf Papier schreibt, sondern indem ihr ihn mit dem Gedächtnis ins Herz eingrabt“, und schließt mit 2 Thess 2,15: „haltet fest an den Überlieferungen, die ihr jetzt empfangt“ (Cyr. cat. 4,17; 5,12). Athanasius sagt im selben Satz, wozu man die Lehrer braucht: Wer sie liest, „wird die Auslegung der Schriften einigermaßen verstehen“ (Athan. gent. 1). Der Brief 189 stellt die Schrift gegen eine örtliche Gewohnheit, nicht gegen den Glauben der ganzen Kirche (Bas. ep. 189,3).
Der anglikanische Kirchenhistoriker J. N. D. Kelly fasst zusammen: Schrift und Überlieferung galten den Vätern als einander ergänzende Autoritäten, gleich im Inhalt, und die Überlieferung als sicherster Schlüssel zur Auslegung (Early Christian Doctrines, 1968, Seite 47–48).
Für viele ist „allein die Schrift“ keine Theorie, sondern ihre Geschichte mit Gott. Ihre Gründe verdienen eine ehrliche Antwort.
„Ich habe Christus beim Bibellesen gefunden.“
Das bestreitet niemand. „Also ist der Glaube aus der Verkündigung, die Verkündigung aber durch Gottes Wort“ (Röm 10,17), und die Kirche erkennt an, dass Christen anderer Gemeinschaften „durch den Glauben in der Taufe gerechtfertigt und Christus eingegliedert“ sind (UR 3). Hier geht es um etwas anderes: Wer hat die Bibel gesammelt, abgeschrieben und weitergegeben, in der man Christus gefunden hat?
„Gottes Wort muss über allem stehen, auch über der Kirche.“
Darin sind sich beide einig. Das Lehramt „ist nicht über dem Wort Gottes, sondern dient ihm“ (DV 10), und jede kirchliche Verkündigung soll sich „von der Heiligen Schrift nähren“ (DV 21). Strittig ist, ob es neben der Schrift eine Stimme gibt, die sie im Streit verbindlich auslegen kann.
„Päpste und Konzile haben geirrt.“
Luther berief sich in Worms auf sein Gewissen, „gefangen in dem Worte Gottes“, weil Papst und Konzile „öfter geirrt und sich selbst widersprochen“ hätten (Reichstag zu Worms 1521↗). Einzelne Päpste haben gefehlt; Honorius I. wurde 681 vom Dritten Konzil von Konstantinopel↗ verurteilt. Unfehlbar nennt die Kirche nicht jede Äußerung, sondern nur Lehren, die „in einem endgültigen Akt“ über Glauben und Sitten verkündet werden (KKK 891). Ob es solche Entscheidungen gibt, darüber wird gestritten. Die Kirche beruft sich auf die Zusagen Christi (Lk 22,32;Joh 16,13), nicht auf die Bilanz der Amtsträger.
„Mit Tradition lässt sich alles rechtfertigen.“
Die Sorge ist berechtigt, und Jesus teilt sie (Mk 7,13). Die Überlieferung, auf die sich die Kirche beruft, ist aber keine Geheimlehre: Sie „kann in jeder Kirche jeder finden, der die Wahrheit sehen will“ (Iren. haer. III 3,1), und sie lässt sich daran prüfen, was „überall, was immer und was von allen geglaubt wurde“ (Vinz. comm. 2,3). Derselbe Vinzenz rechnet mit einem Wachstum im Verständnis, aber „in derselben Lehre, in demselben Sinne und in derselben Bedeutung“ (Vinz. comm. 23,28); ob jede spätere Lehre diese Probe besteht, ist zwischen den Kirchen strittig. Joseph Ratzinger hat 1967 bedauert, dass dem Text des Konzils eine kritische Rückfrage der Bibel an die Traditionen der Kirche fehle (nach Thomas Söding↗).
„Die Kirche hat das Volk von der Bibel ferngehalten.“
Es gab Beschränkungen, und sie wogen schwer. 1229 verbot eine Synode in Toulouse↗ im Kampf gegen die Katharer Laien den Besitz der Bibel bis auf den Psalter. Nach dem Index von 1564 durften Laien Bibeln in der Muttersprache nur mit Erlaubnis lesen; gelockert wurde das erst im 18. Jahrhundert (Bibelverbot↗). Andererseits war das erste große Buch, das in Europa gedruckt wurde, eine Bibel der Kirche (Die Bibel aus Mainz). Schon vor Luthers Neuem Testament erschienen 18 gedruckte deutsche Bibeln, die erste 1466 in Straßburg (Vorlutherische Bibeln↗). Heute gilt: „Der Zugang zur Heiligen Schrift muß für die an Christus Glaubenden weit offenstehen“ (DV 22).
„Maria und die Heiligen verdrängen Christus.“
Wo Frömmigkeit das tut, ist sie falsch, und auch die Kirche sagt das: Die Verehrung Marias „unterscheidet sich aber wesentlich vom Kult der Anbetung“ (KKK 971), der allein Gott gilt. Mit der Frage dieser Seite hat der Einwand nur mittelbar zu tun, denn er richtet sich gegen bestimmte Lehren. Wer sie prüfen will, muss erst klären, nach welcher Regel er prüft.
„Ich habe gesehen, was Macht in der Kirche anrichtet.“
Der Missbrauch durch Priester und sein Vertuschen sind Schuld, die nichts relativiert; die deutschen Bischöfe haben ihn untersuchen lassen, die Studie erschien 2018 (MHG-Studie↗). Wer darum einer Hierarchie misstraut, hat Gründe. Auch Jesus sagt über die Lehrer seines Volkes: „denn sie sagen es und tun's nicht“ (Mt 23,3). Die Sünde der Amtsträger widerlegt das Amt nicht; sie beschämt es.
„Ich will meine Gemeinde nicht verraten.“
Diese Seite vertritt die katholische Sicht, aber sie will niemanden drängen. Die Kirche nennt getaufte Christen anderer Gemeinschaften „Brüder im Herrn“ (UR 3). Wer den drei Fragen nachgeht, verrät niemanden; er stellt Fragen, vor denen schon die frühe Kirche stand.
Gegenrede
Einwände
Die stärksten Einwände evangelischer Theologen, möglichst in ihren eigenen Worten.
„Auch ihr müsst das Lehramt auslegen und habt euch eure Kirche selbst ausgesucht.“+
Auch Lehrtexte muss man auslegen, und Katholiken streiten darüber. Eine lebendige Stimme kann sich aber erklären und eine Frage entscheiden. Am Anfang des Weges gebraucht jeder sein eigenes Urteil, auch wer katholisch wird. Wer seine Gemeinde nach dem eigenen Bibelverständnis wählt, behält am Ende das letzte Wort; wer einer Stimme folgt, auch wo er anders gedacht hätte, hat es abgegeben. Wer seinen Arzt mit eigenem Urteil wählt, wird dadurch nicht selbst Arzt (vgl. Cross und Judisch, 2009↗).
„Das galt, solange die Apostel lebten. Heute haben wir ihre Lehre nur noch in ihren Schriften.“+
Manches, was Paulus mündlich lehrte, ist verloren. Was er den Thessalonichern über das sagte, „was zurückhält“ (2 Thess 2,6), wusste schon Augustinus nicht mehr: „Ich gestehe, dass ich überhaupt nicht weiß, was er gemeint hat“ (Aug. civ. XX 19,2). Die katholische Kirche behauptet darum keinen Vorrat einzelner mündlicher Sätze. Überlieferung ist der Glaube, den die Kirche als Ganze lehrt, lebt und feiert (DV 8); Paulus hat ihn „treuen Leuten“ anvertraut (2 Tim 2,2), nicht nur Büchern.
„Dann braucht auch der Ausleger wieder einen Ausleger, ohne Ende.“+
Die Apostel wussten, dass ein Brief Rückfragen auslöst: Mit dem Beschluss aus Jerusalem schickten sie zwei Männer mit, die ihn mündlich erklären sollten (Apg 15,27). Die Kette endet nicht bei einem weiteren Text, sondern bei jemandem, der antworten kann. Auch das Lehramt lässt viele Fragen offen; wo es um den Kern des Glaubens geht, kann es entscheiden, wie in Nicäa.
„Ihr begründet die Kirche mit der Bibel und die Bibel mit der Kirche. Das ist ein Zirkel.“+
Der Weg geht nicht im Kreis, sondern in Schritten. Zuerst liest man das Neue Testament als glaubwürdiges Zeugnis der Geschichte, wie jede andere alte Quelle. Es führt zu Christus und zu der Kirche, die er gründete und der er seinen Geist zusagte (Mt 16,18;Joh 16,13). Erst von ihr her weiß man, welche Bücher von Gott eingegeben sind.
„Israel hatte einen Kanon ohne unfehlbares Lehramt.“+
Israels Autorität war nicht unfehlbar; der Hohe Rat hat Jesus verurteilt (Mk 14,64). Allein mit der Schrift ließ Gott sein Volk aber nie. Für schwierige Fälle sollte man „zu den Priestern, den Leviten, … und zu dem Richter“ gehen (Dtn 17,9), und Gott sandte Propheten und am Ende den Sohn. Der Kirche hat dieser Sohn zugesagt, was Israels Lehrer nicht hatten (Mt 16,18;Joh 16,13). Welche Schriften heilig waren, wusste Israel aus ihrer Annahme im Volk, also aus Überlieferung.
„Die Überlieferung hat nachweislich geirrt: Papias, der Streit um den Ostertermin.“+
Papias und mit ihm Irenäus führten die Erwartung eines irdischen Reiches auf die Ältesten zurück, die Johannes gekannt hatten (Iren. haer. V 33,3–4). Die Kirche hat das nicht übernommen: Was ein einzelner Zeuge für apostolisch hält, ist damit noch nicht die Überlieferung der Kirche. Beim Ostertermin beriefen sich beide Seiten auf Apostel. Viktor von Rom wollte die Kirchen Asiens ausschließen, andere Bischöfe widersprachen, und Irenäus schrieb ihm, die Verschiedenheit im Fasten bestätige die Eintracht im Glauben (Eus. h. e. V 24,9–13). Die Kirche trennt die Überlieferung der Apostel von Traditionen, die sich ändern lassen (KKK 83).
„Welche mündliche Überlieferung denn? Niemand kann sie benennen.“+
Die Überlieferung ist keine Liste geheimer Lehrsätze, sondern die Weitergabe des ganzen Glaubens in „Lehre, Leben und Kult“ (DV 8). Manches lässt sich trotzdem benennen, und Evangelische halten vieles davon: den Umfang der Bibel und die Namen der Evangelisten, das Glaubensbekenntnis und den Sonntag, in vielen Kirchen auch die Taufe kleiner Kinder. Weil das Volk wissen müsse, wann es zusammenkommt, „hat die christliche Kirche den Sonntag dazu verordnet“, sagt das Augsburger Bekenntnis (CA XXVIII↗). Basilius nennt um 375 das Kreuzzeichen und das Gebet nach Osten (Bas. spir. 27,66; 29,71).
„Unfehlbar ist nur, was Gott eingegeben hat, und das ist allein die Schrift.“+
Eingebung genügt, damit ein Text nicht irrt; dass sie der einzige Weg dazu ist, folgt daraus nicht. Der Beschluss von Jerusalem steht heute in der Apostelgeschichte (Apg 15,23–29), verbindlich war er aber schon, bevor Lukas ihn aufschrieb (Apg 16,4). Die katholische Kirche lehrt nicht, ihre Entscheidungen seien eingegeben. Ihre Unfehlbarkeit „reicht so weit wie die Hinterlassenschaft der göttlichen Offenbarung“ (KKK 891), nicht weiter: Neues offenbart wird dabei nichts.
„Auch Katholiken sind sich nicht einig.“+
Auch das ist wahr. Entscheidend ist nicht, wie viel gestritten wird, sondern ob es einen Maßstab gibt, an dem sich der Streit entscheiden lässt. Wer dem Katechismus widerspricht, weiß zumindest, dass er widerspricht.
„Auch die orthodoxen Kirchen haben Bischöfe und Überlieferung und lehnen Rom trotzdem ab.“+
Für die Frage dieser Seite sind sie Mitzeugen: Auch sie lesen die Schrift in der Überlieferung und lehnen „die Schrift allein“ ab. Ob die Kirche in Rom oder in Konstantinopel recht hat, ist eine andere Frage; sie wird hier nicht entschieden.
„Fegefeuer, Mariendogmen: das steht nicht in der Bibel.“+
Manches davon steht nicht ausdrücklich in der Schrift, und die Aufnahme Mariens ist erst spät bezeugt. Die Kirche behauptet dafür keine neue Offenbarung, sondern ein wachsendes Verständnis des Überlieferten (DV 8). Ob das überzeugt, muss jeder prüfen. Vorher steht aber die Frage: Woher kommt die Gewissheit, dass nur verbindlich sein darf, was in der Schrift steht oder sicher aus ihr folgt?
Miteinander
Für das Gespräch
Über Schrift und Überlieferung sprechen evangelische und katholische Christen seit Jahrzehnten miteinander, und sie sind sich nähergekommen.
Die Weltkonferenz für Glauben und Kirchenverfassung, an der evangelische, anglikanische und orthodoxe Kirchen beteiligt waren, hielt 1963 in Montreal fest, dass Christen „durch die Tradition des Evangeliums“ leben, bezeugt in der Schrift und weitergegeben in der Kirche (Bericht, Nr. 45↗). Evangelikale und katholische Theologen haben 2009 bis 2016 gemeinsam gefragt, was sie über Schrift und Überlieferung trennt. Die Überlieferung, halten sie fest, könne ein wichtiger Prüfstein der Auslegung sein, auch wenn die Evangelikalen beim Grundsatz „die Schrift allein“ bleiben (Studiendokument, Nr. 44↗).
Wer evangelisch glaubt und weiterfragen will
Die drei Fragen mit der eigenen Bibel durchgehen: 2 Thess 2,15, das Inhaltsverzeichnis, Apg 15.
Die katholische Lehre aus erster Hand: Dei Verbum↗, besonders das sechste Kapitel über die Schrift im Leben der Kirche; es ist kurz.
Andreas Theurer, Warum werden wir nicht katholisch? Denkanstöße eines evangelisch-lutherischen Pfarrers (Dominus-Verlag, ISBN 978-3-940879-22-6): ein württembergischer Pfarrer, der 2012 katholisch wurde (Radio Horeb↗).
Die beste evangelische Fassung kennen: Keith Mathison, The Shape of Sola Scriptura (2001), und das Streitgespräch zwischen Gavin Ortlund und Trent Horn (2023, englisch↗).
Wer katholisch ist und mit evangelischen Christen spricht
Mit dem beginnen, was gemeinsam ist: Die Schrift ist Gottes Wort. Scott Hahn sagte in einer Debatte, er widerspreche dem evangelischen Theologen J. I. Packer nur in einem Wort: „nur“ (The Authority Debate↗).
Der stärkeren Fassung antworten, nicht dem Zerrbild „ich und meine Bibel“.
Keine Zahl von 33.000 Konfessionen: Sie stammt aus der World Christian Encyclopedia (2001), die jede Organisation in jedem Land zählt, auch katholische.
Nicht sagen, die Kirche stehe über der Bibel oder habe sie gemacht (DV 10).
Die eigene Geschichte nicht verschweigen: Ablasshandel, Beschränkungen des Bibellesens, Missbrauch.
Fragen stellen, keine Fallen. Und die Bibel kennen.
Zum Schluss
Die drei Fragen noch einmal
I
Wo steht es?
Kein Vers sagt, dass die Schrift allein genügt. Paulus sagt: „sei es durch Wort oder durch unseren Brief“ (2 Thess 2,15).
II
Wer hat die Liste gemacht?
Kein Buch der Bibel enthält ihr Inhaltsverzeichnis. Welche Bücher hineingehören, hat die Kirche erkannt und weitergegeben (DV 8).
III
Wer entscheidet im Streit?
In der Bibel selbst entscheiden Apostel und Älteste gemeinsam: „Denn es hat dem Heiligen Geiste und uns gut geschienen“ (Apg 15,28).
Die Schrift war nie allein.
Sie kam mit den Aposteln, die sie verkündeten, und sie lebt in der Kirche, die sie bewahrt, vorliest und auslegt. Schrift und Überlieferung kommen aus einem Quell (KKK 80), und das Lehramt dient beiden (DV 10).